Trennungsaggression und Fun

Es ist Samstagabend und ich verabschiede mich von meiner Freundin, nachdem wir unseren Toskana Roadtrip durchgeplant haben (Tipps, anyone?). Als ich aus der Haustür trete, spüre ich den Regen um mich herum, auf meiner Haut. Ich bin kurz versucht, nun doch die Bahn zu nehmen und nicht das Rad. Andererseits: Ich liebe meine nächtlichen Fahrradtouren. Ich liebe die Stille, die Igel-Begegnungen, die Kaninchen, manchmal den Sternenhimmel, ich liebe das Gefühl der Nachtluft um mich herum. Bei Nacht ist die Welt eine andere und manchmal habe ich das Gefühl, ich bin es auch. Nachts spüre ich so einen Abenteuerkitzel in mir, ich fühle die Freiheit, ich lasse es zu, dass ich ganz bei mir bin, all das, wofür ich am Tag nicht die Zeit habe. Sie mir nicht nehme. Aber die Nacht gehört mir. Mir und meinen Gedanken. Mir, meinem Rad und der Musik. Dieses Mal ein bisschen Eros Ramazotti (auch wenn es mir noch immer schwer fällt, den nun nicht mehr mit dem schleimigen Italiano aus dem letzten Jahr, dem letzten Leben, zu verbinden), um mich einzustimmen. Und Un Mondo Migliore. (Sonst noch jemand Italo-Hits parat? Ich sammele für unsere Spotify-Playlist😉 Mille Grazie!).

Auf dem Fahrrad fühl ich mich frei. Ganz ich selbst. Und auf dem Fahrrad spüre ich inzwischen oft erst, wie ich mich innerlich wirklich fühle. An welchen Tagen der Tritt in die Pedale schwerer fällt als an anderen. Und dennoch ist jeder Tritt eine kleine Befeeiung, eine kleine Flucht nach vorne, eine kleine Last weniger. Ich bin jeden Tag dankbar, wie sehr mich das Radfahren erfüllt. Ein Leben ohne Rad muss ein verlorenes sein. Ja, das hier ist eine kleine Liebeserklärung an das Radln. Das nächtliche Radln. Und das Radln bei Regen.

Denn an diesem Samstag schüttet es wie aus Kübeln. Ich bin schon nach zwei Minuten von Kopf bis Fuß durchnässt und muss dieses Mal auf die Handyhalterung verzichten und das Handy sicherheitshalber in meine Jeansshort stecken, damit es nicht zu nass wird. Und da radele ich dahin, wie ein begossener Pudel, und ich bin glücklich. Denn es ist Sommer und es ist ein Sommerregen und es ist Nacht. Und ich fahre Rad. Und währenddessen denke ich daran, dass man es lernen muss, im Regen zu tanzen, und ja, verdammt, die Tour auf meinem Rad fühlt sich gerade ganz schön nach Tanzen an. Ich bin klatschnass und ich nehme es gelassen und optimistisch, ich kann das Wetter ja nicht ändern, sehr wohl aber meine Wahrnehmung des Wetters, und wo ich jetzt eh schon mal nass bin, da kann ich auch Spaß haben. Ich bin selbst überrascht, dass ich das denke, denn eigentlich ist das nicht meine Art. Denn eigentlich hätte ich Mimimi gemacht, traurige Musik aufgelegt und mich selbst für mein unglückliches Timing bemitleidet. Es muss am Rad liegen.

Und dann denke ich darüber nach, dass die Menschen in den vorbeifahrenden Autos die klatschnasse Radfahrerin da an der Ampel gerade bestimmt so bemitleiden, wie ich mich selbst ansonsten bemitleidet hätte (und tatsächlich bietet mir ein Mann im Auto neben mir sogar seinen Schirm an und wünscht mir, als ich ablehne – der hätte nun aber auch gar nichts mehr gebracht, ist man erst nass, kann man auch im Regen tanzen! -, eine gute Fahrt! Es gibt sie noch, die netten Menschen!). Und wieder bemerke ich: Es ist immer nur die Perspektive, nicht die Welt, sondern immer nur die eigene Wahrnehmung der Welt. Und wenn ich beschließe, das vermeintlich schlechte Wetter bezaubernd zu finden für einen Fahrradausflug, dann wird es auf einmal tatsächlich bezaubernd. Die Macht der Gedanken. Und während ich so darüber sinniere, da denke ich an M, den ich an diesem Abend kurz kennengelernt habe. Er ist der ehemalige Mitbewohner von M, der nun mit meiner Freundin M in M zusammenwohnt (ich mag Menschen mit M), und nun übers Wochenende zu Besuch aus Berlin, obwohl er eigentlich aus Hamburg kommt. Tut eigentlich nichts zur Sache, aber jedenfalls war der irgendwie süß und während ich das feststellte, fiel mir wieder ein, dass mir meine Freundin M erzählt hatte, dass M vor einer Weile so krassen Liebeskummer gehabt hatte, weil er sich bei einer „Freundschaft (Plus?)“ dann doch mehr erhofft hatte und abgewiesen worden war. Und mir ging immer wieder durch den Kopf, wie dumm diese Frau gewesen sein muss. Gutaussehend, witzig, Hamburger, Filmstudent, süß, sehr süß, ziemlich süß. Und die will den nicht?! Na, versteh mal einer die Frauen! Aber auch hier: alles eine Frage der Perspektive. Weil wo die ihn wohl nicht gut genug fand, da würde ich so einen mit Kusshand nehmen. Und dabei weiß und fokussiert sich M mutmaßlich nur auf genau die, die ihn nicht wollte. Siehe Holländer. Same here. Und irgendwo wird sich vielleicht, also hoffentlich, ja auch gerade ein Kerl auf dem Rad denken, dass der Holländer ganz schön dumm sein muss, mich nicht zu wollen. Jedenfalls nicht so richtig. Weil so schlecht bin ich dann sicher nicht. Und ich bin erstaunt, dass ich das denke.

Meine Podcast-Sucht zeigt erste Wirkungen. Danke, „Podcast des Scheiterns“. Man lernt so viel daraus, wenn andere von ihrem Scheitern erzählen. Dann gesteht man es sich selbst ein bisschen mehr zu, das ebenfalls zu tun. Danke, Stefanie Stahl, ich hab sie gefunden, die Trennungsaggression, von der du immer sprichst. Die, von der du meinst, es braucht sie, um sich wirklich und endgültig zu lösen, weil ja, da braucht es Wut. Ein bisschen Wut tut gut. Und hier ist sie. Denn, mit Verlaub gesagt, der einst so süße Dutchie ist halt doch nur ein holländischer, kiffender Fuckboy. Ich sags ja, die Perspektive ist alles.

Ich hab keine Lust mehr auf Fun mit dem Funboy.

Weil, hält der mich eigentlich für blöd? Ich durchschau es doch längst, dass er mir nur deshalb jetzt wieder schneller antwortet, weil er seine Felle davonschwimmen sieht, weil ich mir nach jeder Nachricht von ihm 24 Stunden Zeit lasse mit der Antwort, und nicht mal unbedingt, weil ich einsteige bei seinen Spielchen, ich hab bloß keinen Bock mehr auf diese Art der Gespräche. Weil die gar keine sind, nur leeres Gefloskel. Und dass er jetzt erwähnt, dass er München vermisst, ist doch auch völlig daneben. Vor drei Monaten hatte er es noch im Gefühl, dass es Zeit für einen Wechsel ist, nun holt er sich hier ein Auto und freut sich darauf, damit die Seen hier zu erkunden. Aha. Da scheint jemand a) tatsächlich entweder so gar nicht zu wissen, was er will im Leben, b) mich für dumm verkaufen zu wollen und ein bisschen vergesslich, oder c) eine ganz unterirdisch miese Masche zu fahren. Und ich tendiere zu Option c. Denn schön und gut, dass er München vermisst, warum erwähnt er es mir gegenüber?! Um mir ein Bröckchen Hofnung zuzuwerfen? „Schau, ich zieh nun doch nicht weg, ich bleib dir erhalten!“ Oder um mir genügend Spielraum zu geben, nach einer Interpretation zu suchen, die bedeuten könnte, dass er nicht nur München, sondern auch mich ein wenig vermisst?! Whatever it is, I don’t like it.

Und noch weniger, dass er danach wieder stolz wie Oskar beinahe in den Raum wirft, am Vortag Mushrooms genommen zu haben. „Was very relaxing and enjoyable.“ Ist er der holländische Drogenbeaufragte oder warum preist er mir die Einnahme der Dinger so oft an?!

„Also looking forward for a little chill fun hang with you again though ^^ though unfortunately I’ll have my friend over upon return but I’m sure we’ll find a day some time before our holidays 😋“ (So viel zu „See you in August“ …)

Ich verweise darauf, dass ich bereits vor ihm in den Urlaub fahre.

„Ah right! I’m going 20.08. to 28.08. So we have between 6-20 August to have some chill and fun.“

Noch einmal fun und ich schreie!

Ich verweise darauf, dass ich am 9. die zweite Impfung bekomme und dann Besuch von meinen zwei besten Freundinnen, also: „busy times these days“, ich also stark beschäftigt in diesem Zeitraum.

„And no worries, I’m sure we’ll find a sneaky day to have some fun😏“

Ein Fun zu viel! Und der Emoji! Nein nein nein. Ich antworte gar nicht mehr. Weil derartige Nachrichten keine Antwort von mir verdient haben, weil Nein, viel zu plump, viel zu viel Fun. Ich mag den Ernst des Lebens. Ohne Mushrooms. Reden und so. Das Echtere. Ich finds Horror.

Und er scheints nicht zu checken und schreibt 24 Stunden später, um 23 Uhr (klar, wann denn sonst?!) erneut. Bevor ich die Nachricht lese, weiß ich schon, was drin steht. Es ist wirklich zum Einschlafen.

„Hey ^^ how’s your evening going? 🙂 Just got into bed, and it’s so warm here today, made me think of those hot (pun intended) nights when you were at mine ^^“

Nein, einfach nein! Seit der O2-Techniker heute Mittag da war, haben wir gar kein Internet mehr und ich habe über einen Hotspot bis 19:30 gearbeitet, um die verlorene Liebesmüh des Internet-Zurückholens wieder aufzuarbeiten, und dennoch. Das regt mich nicht so auf wie diese Nachricht. Alles eine Frage der Perspektive, schätze ich. Wär die Nachricht doch wenigstens nicht durchgestellt worden. Aber ist das echt so ein Ding immer noch, dass die Kerle einen immer dann (vögeln) wollen, wenn man keinen Bock mehr auf sie hat? Scheint ja fast so …

Morgen schreib ich ihm, dass ich keine Lust darauf habe, von ihm auf ein „fun and chill girl“ reduziert zu werden bzw. dass es sich für mich so anfühlt. Denn das bin einfach nicht ich. Ich bin das nicht und ich will das nicht sein.

Was Lockeres schön und gut und ab und an solche Nachrichten okay, aber nicht dauerhaft und nicht, wenn alles andere sonst auch nur Smalltalk ist. Dann hab ich nämlich das Gefühl, ein Teil von mir verkümmert, weil ich tiefere Verbindungen viel bereichender finde als diese oberflächlichen „Gespräche“ und Anspielungen. Das gibt mir auf Dauer so gar nichts.

Also so genau schreib ich das nicht, aber jedenfalls, dass mir das so nicht gefällt und nicht gut tut und mich nicht erfüllt. Im Gegenteil, es langweilt mich, wenn das so weiter geht. Weil da so gar keine Entwicklung ist und mein Herz braucht mehr, nicht von ihm, aber ich will nicht, dass es verkümmert, weil ich an sich wirklich gut lieben kann, wenn ich mein „cool and fun girl“-Pokerface runternehmen darf.

PS: Bei meiner Recherche nach Buchhandlungen in der Toskana (Pflicht in jedem Urlaub!) habe ich meinen zukünftigen Arbeitgeber entdeckt: ein Verlag, der sich auf Fotobücher von Hunden in Weinhandlungen spezialisiert hat. Es gibt für alles eine Nische! Ich bin entzückt!

9 Kommentare zu „Trennungsaggression und Fun

  1. Das mit dem Radln klingt wirklich sehr schön. Befreit. Und du fühlst dich echt. Das gefällt mir.
    Wo du dich sonst so oft nicht echt findest. Irgendwie falsch. Das sagst du leider immer wieder.

    Ich sehe das mit dem Dutchi irgendwie anders.
    Ihr versteckt euch beide hinter eine Maske der Coolness. Sich nur nicht in die Karten schauen lassen!!!
    Er hat immer wieder betont, er will nur was Lockeres. Will seinen Spaß, ne gute Zeit. Gemeinsam kochen, essen, baden, Sex haben und zusammen in einem Bett schlafen. All das ist ja ungewöhnlich im Vgl. zu den anderen unverbindlichen Kontakten, die du hier beschrieben hast. Das macht den Kontakt zum Dutchi besonders.
    Und du? Du hältst auch mit deinen Empfindungen hinterm Berg. Es verletzt dich, dass er sich nicht verabschiedet hast, bevor er nach Holland abgereist ist. Und du? Du hättest ihm gerne Tschüß gesagt, viel Spaß und ne gute Zeit zu Hause gewünscht….. hast es dir aber verkniffen, weil auch du gerne als (emotional) frei und unabhängig da stehen willst. Stichwort: Maskenball. Dann schreibt er lange nicht und du ärgerst dich. Wenn er dann schreibt, dann freust du dich schon, aber du antwortest bewusst 24h später, damit er nicht den Eindruck bekommt, du hättest ihn vermisst. Hast du aber. (wenn du mich fragst) Und er? Er schreibt: Er vermisst München. Ja klar. Nur München?

    Neee, neeee der vermisst dich!!!
    Und er hofft auf fun and sun, wenn er zurück ist. Dieses Fun haben usw. könntest du ihm um die Ohren hauen, es macht dich wütend. Und ich sehe, dass ihr euch beide nichts schenkt. Beide seid ihr nicht offen und ehrlich. Und ihr tut super cool. Was ist das denn? Die Angst sich zu seinen Gefühlen zu bekennen? Die Angst verletzt zu werden? Dieses Gefühl nicht so ganz sicher zu sein, was hinter der Maske des anderen wirklich steckt?

    Sags ihm doch einfach mal. Mach dich nackt. Geh das Risiko ein. Stell dich einfach deiner Angst. Geh durchs Feuer. Es wird dir gut tun. Denn dann erfährst du, was da los ist. Ob er wirklich nichts für dich empfindet.
    Und wenn das so ist, dann ist halt Ende – Aus -Finish.
    ABER dieses Hin und Her, diese Spielchen. Das bist du nicht. Ich bitte dich!!!! Das tut dir nicht gut. Zeitverschwendung. Du möchtest gerne mehr. Weniger Unverbindlichkeit. Dann steh zu deinen Wünschen.
    Hau sie raus. Und vielleicht bekommst du genau das, was du willst.

    Sei mir nicht böse, dass ich das hier jetzt so hin geschrieben habe.
    Ich sehe es so und ich kann dich ganz schlecht so leiden sehen.

    Ich drück dich.

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  2. Du klingst sehr positiv, was mich sehr freut! Und genau, we are not only Fun, we are more und full stop. Und hier meine Lieblings-Italo-Songs: Domenica von Coez, Mare Mare von Luca Carboni, alles von Zucchero, Nella mia città von Mango (sehr schnulzig, gefällt nur mir sonst kenne ich niemanden dem das gefällt), das ganze Album „Cambio“ von Lucio Dalla, Vaffanculo und T’innamorerai von Marco Masini, und natürlich Gianna Nanninis und Adriano Celentanos Klassiker ach ich muss jetzt aufhören sonst kriege ich Fernweh.

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  3. 🎶We’re gonna have fun fun fun til my daddy takes the t-bird away 🎶🎵

    You go girl ❤️ keep up the good vibes 💋

    Ich mag dein neues anspruchsvolles Ich, das ist genau der richtige Weg…. Jetzt lauf nur ja nicht mehr zurück ☝️
    Forward always 👉🔅🆙

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